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| „Wenn wir streiken, steht die Welt still“ – wie der spanische Frauenstreik zum Erfolg wurde

 

 

[Original in English here.]

 

Von Julian Coppens und Dick Nichols

 

Juni 2018 — Zeitschrift LuXemburg — Am diesjährigen Internationalen Frauenkampftag fanden in beachtlichen 177 Ländern Demonstrationen statt. Dabei stach der spanische Staat mit einen Generalstreik für die Gleichberechtigung von Frauen besonders hervor. Mindestens fünf Millionen Menschen waren beteiligt. Es war die größte Mobilisierung von Frauen in der Geschichte Spaniens.

 

Es gibt viele Gründe für diesen Erfolg. Die #MeToo Kampagne von Schauspielerinnen und prominenten Frauen gegen sexuelle Belästigung durch Männer in Machtpositionen hat gerade in Spanien, wo der Machismo allgegenwärtig ist, hohe Wellen geschlagen. Allerdings hätte dies allein wohl kaum zu einer solchen Explosion des Protests von Frauen aller Altersklassen geführt, wie sie sich am 8. März in 120 Städten und Gemeinden auf der iberischen Halbinsel ereignete.

 

Das vielleicht wichtigste Element in diesem Erfolg ist die Tatsache, dass in Spanien ein feministischer Generalstreik ausgerufen, tatsächlich auch ernsthaft als solcher vorbereitet und schließlich durchgeführt wurde. Es sollte eine 24-stündige „Niederlegung der Werkzeuge“ werden, um auf die doppelte Belastung von Frauen durch Lohnarbeit (mit ungleicher Behandlung bzw. Entlohnung von Frauen und Männern) sowie durch häusliche Arbeit (ohne jegliche Entlohnung) aufmerksam zu machen. Der Protest war zugleich als Konsumstreik und als Tag, an dem Frauen alle Sorgearbeit ruhen lassen, geplant. Die Herangehensweise und die Forderungen wurden im ‚8M-Manifest‘ festgehalten. Der übergreifende Slogan wurde bewusst offensiv gewählt: „Wenn wir streiken, steht die Welt still.“

 

Woher kam der „feministische Tsunami“?

 

Die vom Partido Popular (PP) unter Premierminister Mariano Rajoy geführte konservative Regierung ging vermutlich davon aus, dass eine solche Initiative rasch verpuffen würde: eine weitere randständige Veranstaltung der oftmals antikapitalistischen Kollektive, die den Frauentag über die Jahre am Leben gehalten hatten, ohne die Masse der arbeitenden Frauen wirklich zu erreichen. Dies sollte sich diesmal als Trugschluss erweisen.

 

Die Wurzeln des 8. März 2018 reichen weit zurück. Mobilisierungen wie diese entstehen nicht einfach aus vorausgegangenen Erfolgen und auch nicht durch die bloße Anzahl an Aktivist*innen, die sie errungen haben. Sie basieren auf den Netzwerken der Assoziationen und Kollektive, die über die Jahre des feministischen Kampfes aufgebaut wurden – eine aktivistische Infrastruktur, deren Ursprünge bis in die Zeit des Untergrundkampfes gegen die Franco-Diktatur zurückreichen.

 

In den 1960er und 1970er Jahren beteiligten sich feministische Aktivist*innen am Kampf gegen die faschistische Diktatur. Unter der Herrschaft General Francisco Francos waren Frauen Männern absolut untergeordnet: Verheiratete Frauen durften nicht arbeiten, und alle Frauen brauchten eine Erlaubnis ihres Vaters oder Ehemanns, um ein Bankkonto zu eröffnen, einen Führerschein zu machen oder einen Vertrag zu unterschreiben. Nach jahrelangem mühsamen Kampf gegen diese Unterdrückung wurde schließlich im Übergang zur Demokratie nach der Franco-Diktatur im Jahr 1978 der staatliche Verband feministischer Organisationen (Federación Estatal de Organizaciones Feministas – FEOF) gegründet. Die FEOF, heute eher unter dem Namen Coordinadora Feminista (Feministisches Koordinationskomitee) bekannt, vertritt Frauengruppen aus dem gesamten spanischen Staat und ist ein demokratisch organisierter Verband, in dem Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Aktionen geplant werden.

 

Die feministische Bewegung war insbesondere in den 1980er Jahren stark, nachdem der Übergang zur Demokratie die Wahl einer von der spanischen Sozialdemokratie (PSOE) gestellten Regierung nach sich zog. Die Bewegung erkämpfte für Frauen das Recht auf Scheidung und den Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungsmöglichkeiten. Zudem führte sie Kampagnen gegen häusliche Gewalt und für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender.  Trotz der Institutionalisierung und Integration von Teilen der Bewegung in die staatliche Bürokratie unter der PSOE-Regierung über die 1980er und 1990er Jahre hinweg nahmen im Jahr 2009 rund 3.000 Frauen an der Konferenz zum 13-jährigen Bestehen des Verbandes in Granada teil.

 

Die FEOF war auch eine der Initiatorinnen des diesjährigen Generalstreiks. Im März 2017 rief sie die 8M-Kommission ins Leben, die den Streik vorbereiten sollte. Zudem sollte auf einer Reihe von Versammlungen auf nationaler Ebene ein gemeinsames Manifest erarbeitet werden. Lokale Koordinationsgruppen wurden überall im spanischen Staat aufgebaut, um ihre Anliegen zum Manifest beizusteuern und den Streik zu planen. In der Regel entstanden diese Gruppen aus bereits existierenden Netzwerken von Frauengruppen, manche parteinah, andere parteipolitisch ungebunden. In den lokalen Organisationkomitees konnten ebenso wie in den landesweiten Versammlungen Organisationen und Individuen offen teilnehmen. Beschlüsse wurden per Mehrheitsentscheidung der Teilnehmenden getroffen.

 

Während dieser Ansatz gut aufgenommen wurde, variierte die Rolle des PSOE von Ort zu Ort, abhängig von der konkreten Politik seiner Vertreter*innen und Basisaktivist*innen. In der PSOE-regierten Stadt Mérida in der Region Extremadura etwa ist die Stadträtin für Frauenangelegenheiten eine feministische Aktivistin, die regelmäßig an den Organisationsversammlungen des lokalen 8M-Vorbereitungskreises teilnahm. Dort stellte der Stadtrat auch finanzielle Ressourcen bereit, ohne damit eine politische Einflussnahme zu verbinden. Andernorts gab es hingegen heftige Kritik an männlichen PSOE-Politikern, die versuchten, sich mit Parteibannern an die Spitze der Demonstrationszüge zu stellen.

 

Gegen Austerität und Machismo

 

Ursprünglich wurde die Kampagne für einen 24-stündigen feministischen Generalstreik vor allem von den kleineren und radikaleren ‚Minderheits‘-Gewerkschaftsverbänden getragen – darunter die anarchosyndikalistische Confederación del Trabajo (CGT), die Confederaciòn Nacional del Trabajo (CNT) und die Basiskomitees (Co.Bas). Doch die Idee fand schnell Anklang in vielen Betrieben und Arbeitsplätzen, wo Frauen die Mehrheit stellen.

 

Im Gesundheits- und Bildungssektor sprachen sich auch die Gewerkschaften mit dem höchsten Organisationsgrad recht prompt für die Arbeitsniederlegung aus, beispielsweise die Mehrheitsgewerkschaft der Lehrer*innen in Katalonien, USTEC-STEs. In diesen Bereichen sind es gerade weibliche Beschäftigte, die die durch die Kürzungspolitik der letzten Jahre entstandenen Versorgungslücken durch ihre meist unbezahlte Mehrarbeit aufrechterhalten. Sie erkannten im Streik eine Gelegenheit, ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen.

 

Sie wurden bald von Journalistinnen, Forscherinnen, Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Studierenden und Rechtsanwältinnen unterstützt – in all diesen Berufen und Bereichen wurden Frauen während der Wirtschaftskrise schlechter gestellt, schlechter bezahlt und/oder in informelle Beschäftigung gezwungen. Weibliche Beschäftigte im Privatsektor – und hier vor allem in den schlechtbezahltesten und informellen Bereichen – ergriffen ebenfalls dankbar die Gelegenheit zum Protest. Ein herausragendes Beispiel waren die Hotelreinigungskräfte, eine Branche, in der vor allem Migrantinnen begonnen haben, sich in der Organisation Las Kellys selbst zu organisieren.

 

Frauen, die in Rente gegangen sind – und im Schnitt nur 760 € im Vergleich zu den 1.200 € für Männer erhalten – protestierten gemeinsam mit Studentinnen, die wissen, dass ihnen nach dem Abschluss die Arbeitslosigkeit droht. Diese Gruppen taten über Studierendenverbände und Rentnerorganisationen ihre Unterstützung kund.

 

Ein weiterer Grund für den Zuspruch zu den Protesten ist Spaniens dunkle Geschichte von Morden an Frauen durch Partner oder Ex-Partner – seit dem Beginn der Statistik im Jahr 2003 wurden 924 Einzeltaten gezählt. Die Rathäuser und Plätze des Landes sind längst zum Schauplatz regelmäßiger und öffentlicher Zeremonien gegen tödliche häuslicher Gewalt geworden: Gleichzeitig haben Frauen angesichts der hohen Zahl an Belästigungsvorfällen immer mehr Angst davor, nachts auf die Straße zu gehen.

 

All diese Faktoren kamen zusammen, um den „feministischen Tsunami“ des Frauentag 2018 zu erzeugen, den Spanien erlebte – eine außergewöhnliche, nicht von etablierten Gewerkschaften oder Parteien, sondern von der Frauenbewegung selbst organisierte Mobilisierung!

 

Auf dem Weg zum Generalstreik

 

Ende Februar war das Ausmaß an Unterstützung für den bisher vor allem von den Minderheitsgewerkschaften vorangetrieben Streik derart offensichtlich, dass die beiden größten Gewerkschaftsverbände Spaniens – die Comisiones Obreras (CCOO) und die Unión General de Trabajadores (UGT) – keine Wahl hatten und reagieren mussten.

 

Sie riefen schließlich für ihre eigene Version eines Streiks auf: Einen je zweistündigen Ausstand am Vormittag und am Nachmittag. Aufgrund des großen Gewichts der CCOO und UGT in der spanischen Gewerkschaftslandschaft – und wegen der Unterstützung ihrer Position durch die baskisch-nationalistischen Gewerkschaften – wurde dies schließlich die Form, in der der feministische Streik unter der Mehrheit weiblicher Beschäftigter bekannt gemacht wurde. Die Reduktion des Generalstreiks von 24 auf zwei Mal zwei Stunden sorgte bei den feministischen Organisationskollektiven für erhebliche Entrüstung.

 

In diesen Konflikten traten sowohl die Ängste der CCOO und UGT zu Tage, von den kleineren Rivalen überflügelt zu werden. Zugleich ging es aber auch um eine ernsthafte Debatte über die erfolgversprechendste Form der Mobilisierung von Frauen am 8. März. Trotz der Kontroversen war relativ früh klar, dass die Streiks Erfolg haben würden. In der Woche vor dem 8. März wurde dies überdeutlich, und die Debatte in den großen Medien und in social media wie auch die Kneipen- und Küchentischdiskussionen drehten sich nur noch um die Frage, wer sich am Streik beteiligen würde oder sollte.

 

Zunächst kam die Ankündigung von Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau, dass sie und andere weibliche Stadträte der Stadtregierung von „Barcelona en Comú“ am 8. März nicht arbeiten würden. Es folgte die Unterstützungserklärung  der madrilenischen Bürgermeisterin Manuela Carmena und schließlich immer mehr Zuspruch von prominenten Personen aus der Medienbranche.

 

In der parteipolitischen Arena führte Podemos die Kampagne an, während die liberalen Ciudadanos und des konservative Partido Popular (PP) angaben, Aktionen für Frauenrechte zu unterstützen, nicht jedoch einen „ideologisch basierten“, „antikapitalistischen“ feministischen Streik.

 

Am Ende wurde der Streik jedoch von nahezu jeder gesellschaftlich relevanten Organisation unterstützt und überaus populär, mit Zustimmungsraten von über 80 Prozent in Umfragen. Schließlich sah sich selbst Ministerpräsident Rajoy gezwungen, am 8. März mit einer lilafarbenen Schleife am Revers aufzutreten – dies löste Erstaunen und Vergnügen, aber auch Empörung bei den Millionen von Frauen aus, die unter der Sparpolitik seiner Regierung gelitten haben.

 

Das Ausmaß des Streiks

 

Spaniens feministischer Generalstreik wurde zu einem überwältigenden Erfolg. Die Menschen beteiligten sich letztlich auf jede nur erdenkliche Weise, je nachdem womit sie sich wohlfühlten. Den Zahlen von CCOO und UGT zufolge legten an diesem Tag rund 5,9 Millionen Arbeiter*innen, die allermeisten von ihnen Frauen, die Arbeit nieder: Ein Drittel der spanischen Arbeiterklasse trat in den Streik, betroffen waren insgesamt 80 Prozent der Betriebe und Arbeitsstätten. Bis zuletzt blieb umstritten, was die Aufgabe von feministischen Männern an diesem Tag sei: mitstreiken oder den Haushalt oder die Notversorgung (etwa im Krankenhaus) übernehmen.

 

In folgenden Bereichen war die Auswirkung des Generalstreiks besonders zu spüren:

 

  • Bildung. In Katalonien war die Beteiligung an den zweistündigen Ausständen (von 11:30-13:30 Uhr und von 16:00 -18:00 Uhr) in Sekundarschulen und Universitäten „nahezu komplett“ (CCOO-Zahlen), wobei 20 % der Lehrer von Sekundarschulen die vollen 24 Stunden streikten (USTEC-STEs-Zahlen). In der Region Valencia sprachen sämtliche Bildungsgewerkschaften von einer Beteiligung von 50 Prozent. In Andalusien traten 90 % der Universitätsstudierenden in den Streik. Die Unterstützung unter madrilenischen Schülerinnen lag bei 90 Prozent, unter Studentinnen bei 65 % (CCOO-Zahlen).
  • Gesundheit. Dem Gesundheitsverband der CCOO zufolge erreichte die Beteiligung am zweistündigen Streik in Katalonien und der Region Valencia 80 %, während er in Andalusien bei 55-70 % lag.
  • Transport. Langstrecken- und Regionalzüge waren landesweit mittelmäßig betroffen (25 % Ausfälle zur Hauptstoßzeit, 50 % am Rest des Tages), am stärksten waren dies die Metro-, Tram-, und Busdienste, wo es am meisten weibliche Fahrerinnen gibt. In Barcelona, wo die CGT stark vertreten ist, waren diese Dienste während der Hauptstoßzeiten um 50 % und zu 75 % am Rest des Tages reduziert.
  • Medien. In diesem Sektor war der Streik besonders sichtbar. Weibliche Radio- und Fernsehansagerinnen waren bei vielen Sendern abwesend und das Programm wurde angepasst. Journalistinnen waren zudem in der Vorbereitung des Streiks involviert, und ihr Unterstützungsmanifest erhielt über 7000 Unterschriften von Kolleginnen.

 

Die Teilnahme am Streik war in anderen Branchen wie der Schwerindustrie und dem Handel insgesamt gering, wobei es auch hier wichtige Ausnahmen in von Frauen dominierten Bereichen gab. Den CCOO in Katalonien zufolge legten beispielsweise weibliche Reinigungskräfte am Flughafen von Barcelona sowie in den SEAT und Nissan Automobilwerken ihre Arbeit nieder. Laut der CGT führten ihre mobilen Infoposten zur vorsorglichen Schließung von Einkaufszentren, während Frauen in Callcentern auf die Kündigungsdrohungen seitens ihres Managements mit Bummelstreiks reagierten.

 

Darüber hinaus wurde der Streik von anderen in Spanien typischen Protestformen wie Straßenblockaden und Besetzungen von Straßen und Plätzen begleitet. In Katalonien wurden wichtige Autobahnen blockiert, in Madrid brachten Demonstrationen und Sitzstreiks seit den frühen Morgenstunden den Verkehr im Zentrum zum Erliegen.

 

Viele an dem Tag interviewte Frauen gaben an, die Ziele des Streiks in voller Gänze zu unterstützen, aus Angst vor einer Kündigung jedoch nicht teilnehmen zu können. Dies spiegelte eine passive Unterstützung wider, die so weitverbreitet war, dass selbst die ansonsten reißerischen Radioshows zum Schweigen gebracht wurden. Sie konnten der ausufernden Beteiligung an einem Ereignis, das zunächst als angebliche „subversive Verschwörung“ begonnen hatte, nichts mehr entgegensetzen.

 

Obwohl sich langjährige Feministinnen in den Führungsriegen der großen Mehrheitsgewerkschaften befanden, wurde die Entscheidung gegen eine Unterstützung für einen 24-stündigen Streik getroffen. Sie beruhte auf der Einschätzung, dass diese Streikform keinen Erfolg haben würde. Die immense Beteiligung am Streik hat dagegen sehr deutlich gemacht, dass eine sehr große Zahl an Frauen bereit gewesen ist, in Aktion zu treten. Der Aufruf zu einem lediglich zweistündigen Streik wurde von vielen im Nachhinein als Fehler gewertet. Die vielen Neueintritte in die Minderheits-Gewerkschaften kann durchaus als Ausdruck einer Radikalisierung in Folge der Streikaktion gewertet werden.

 

Massendemonstrationen und radikale Forderungen

 

Der Generalstreik wurde von Demonstrationen begleitet, die deutlich größer als alle bisherigen Proteste am 8. März waren. Selbst die oft sehr konservativen offiziellen Angaben unterstreichen dies. In Barcelona marschierten 200.000 Menschen (laut Organisatorinnen 600.000), während es in Madrid 170.000 (bzw. für die Organisatorinnen 500.000) Teilnehmer*innen waren. Im Vergleich: Die größte Frauentags-Demonstration der jüngeren Vergangenheit war der Marsch in Madrid im Jahr 2017, als laut Behörden 40.000 Menschen teilnahmen: beim 2015er Marsch in Barcelona kamen dagegen lediglich 4.000 Menschen.

 

In anderen Städten war die Situation ähnlich, es fanden riesige Demonstrationen statt, hier einige Beispiele (laut offiziellen Zahlen): Sevilla: 120.000; Valencia: 100.000, Bilbao: 60.000; Saragossa: 37.000.

 

An Orten ohne eine Geschichte von Massenkundgebungen wurde der außergewöhnliche Charakter des 8. März besonders deutlich. In der galizischen Hauptstadt Pontferrada demonstrierten beispielsweise 13.000 Menschen. In Santander nahmen 22.000 an einem Marsch teil, von dem auch die örtliche Polizei sagte, dass es zuvor noch nie eine so riesige Protestaktion gegeben habe. Derartiges wiederholte sich in jeder der 50 Provinzhauptstädte Spaniens, was zeigt, dass der Protest am 8. März sich in der gleichen Größenordnung wie die Indignado-Revolte mit ihren Platzbesetzungen 2011 bewegt. Allein in Andalusien war die Beteiligung in den sieben Provinzhauptstädten (außer Sevilla) enorm: Málaga: 70.000; Granada: 50.000; Córdoba: 15.000; Almería: 10.000; Huelva: 10.000; Jaén: 5.000 und Cadíz: 5.000.

 

Auf der Kommentarseite Magnet versuchte Autorin Esther Miguel Trula am 9. März die wahrscheinliche Gesamtteilnehmerzahl zu berechnen, ausgehend von den Teilnehmerzahlen in den 14 größten Städten. Sie korrigierte die offiziellen Zahlen nach oben und die Angaben der Organisatorinnen nach unten. Sie gelangte zu einer konservativen Schätzung von fünf Millionen, was mehr als 10 % der Bevölkerung des spanischen Staates entspricht.

 

Die Forderungen der Demonstrant*innen waren radikal und spiegeln nicht nur die politischen Positionen vieler in den Organisationskomitees wider. Sie zeigen auch die wütende Stimmung unter den vielen jungen Frauen, die der Unsicherheit einer wirtschaftlichen Zukunft auf einem prekären Arbeitsmarkt und der sicheren Zukunft eines fortdauernden Machismo entgegensehen. Slogans auf den Leittransparenten waren zum Beispiel: „Ohne Feminismus keine Revolution!“ (Valencia), „In Vielfalt vereint – Gegen Patriarchat und Kapital!“ (Palma), „Wir streiken um die Welt zu verändern!“ (Madrid) und „Patriarchat und Kapital – Kriminelles Bündnis!“ (Girona). Ein weiteres beliebtes Plakat auf den Demonstrationen war „Wir sind die Enkeltöchter der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet!“

 

In Katalonien sorgte die Beteiligung der Komitees zur Verteidigung der Republik (CDR) dafür, dass am 8. März auch Slogans wie „die [unabhängige katalonische] Republik wird feministisch sein oder sie wird nicht sein!“ auf den Demonstrationen in Barcelona, Girona, Tarragona und Lleida skandiert wurden. Leire, ein Mitglied des feministischen Kollektivs in Biskaya, das den gewaltigen Marsch durch das Zentrum von Bilbao organisiert hatte, erklärte der Zeitung El Diario ihre Einschätzung der Vorgänge: „Alles hier ist zum Erliegen gekommen, weil die Menschen herausgekommen sind um laut herauszuschreien, dass sie dieses System, das uns zermalmt und umbringt, nicht mehr wollen.“

 

Einschätzungen der Akteure

 

Wie schätzen die verschiedenen Protagonist*innen des 8. März den Erfolg ein? Patricia Araguren, Mitglied des Organisationskomitees in Madrid wurde in der Ausgabe der Onlinezeitung El Confidencial vom 10. März zu den Folgen des unterschiedlichen Ausmaßes an gewerkschaftlicher Unterstützung befragt:

 

„Wir haben es dank der juristischen Unterstützung seitens der Gewerkschaften CGT, CNT und Co.Bas geschafft, den 24-stündigen Generalstreik umzusetzen.[1] UGT und CCOO haben zu zweistündigen Arbeitsniederlegungen pro Schicht aufgerufen, was zwar nicht unserem Aufruf entsprach, aber im Gegensatz zum letzten Jahr, als sie überhaupt nicht mit aufriefen, positiv zu bewerten ist.“

 

Elena Basco, die Beauftragte für Frauen und Gleichstellung in den CCOO, verteidigte die Arbeit ihrer Gewerkschaft und bestand darauf, dass die 3.000 Betriebsversammlungen, die sie organisiert hatten und die zahlreichen Statements von Betriebskomitees einen erheblichen Beitrag zum Bewusstseinswandel geleistet hätten. Zugleich hielt sie die Möglichkeit offen, dass die CCOO am Frauentag 2019 einen 24-stündigen Streik unterstützen würde.

 

Die UGT ihrerseits zeigte ihre Nervosität durch ein Tweet zur Mittagszeit, in dem behauptet wurde, dass ausschließlich die zweistündigen Streiks effektive Auswirkungen gehabt hätten. Das Tweet wurde kurz darauf wieder gelöscht. UGT-Generalsekretär Pepe Álvarez schrieb auf seinem Blog, dass der Streik „ein deutliches Zeichen an die [Rajoy-]Regierung und all die politischen Parteien gesendet [hat], dass wir kämpfen werden, um die Gehalts- und Rentenlücke, die Belästigungen und Misshandlungen endgültig aus unserem Leben zu tilgen.“

 

Die CNT im Baskenland kommentierte: „Wir bewerten den Aufruf zum ersten 24-stündigen feministischen Generalstreik als Erfolg, trotz der Desinformation seitens einiger regierungsnaher Medien, des Boykotts durch die CCOO, UGT, ELA und LAB [baskisch-nationalistische Gewerkschaften] sowie den Hindernissen, die uns die [baskische] Regierung bei der Aufrechterhaltung der Minimalversorgung in den Weg gelegt hat.“

 

Die CGT wurde noch etwas deutlicher und verurteilte „die beschämende und erbärmliche Haltung der Gewerkschaften des Regimes (UGT und CCOO), die auf den Boykott der für den Kampftag 8. März geplanten Aktionen abzielte und – wieder einmal – jenen als Unterstützung diente, die für viele der Ungleichheiten in unserer Gesellschaft verantwortlich sind.“

 

Die soziale Bewegungsforscherin Nuria Alabao, die in dem El Confidencial Artikel zitiert wird, betont, dass die spanische Frauenbewegung seit den 1970er Jahren darauf hinweist, dass die sogenannten Generalstreiks gar nicht so umfassend sind, wie sie behaupten: sie berücksichtigen die unbezahlte, normalerweise häusliche Arbeit von Frauen nicht. Diese Analyse erhielt damals freilich keinen Applaus von  Gewerkschaften. Inzwischen ist durch die brutale Prekarisierung der Arbeiterschaft im Zuge der Wirtschaftskrise deutlich geworden, dass wirklich alle Bereiche mit einbezogen werden müssen, wenn das System die Auswirkungen effektiv spüren soll.

 

Laut Rafa Mayoral, dem Podemos-Verantwortlichen für den Kontakt zu sozialen Bewegungen, war der Streik auch ein Protest gegen das Regime permanenter Unsicherheit. Diese existenzielle Unsicherheit vieler Menschen ist ein Ergebnis von Arbeitsmarktreformen, unter denen insbesondere Frauen zu leiden haben. Der Vorschlag eines feministischen Generalstreiks traf darum einen Nerv. Zugleich mobilisierte er auch viele Männer, da vielen deutlich wurde, dass „alle Bereiche des Lebens miteinander zusammenhängen“.

 

Fazit

 

Der beste Maßstab für den Erfolg einer Mobilisierung ist die Reaktion ihrer Gegner und falschen Freunde. Danach zu urteilen war der 8. März ein überwältigender Triumph. Wie es eine Schlagzeile auf den Punkt brachte, sind viele Politiker „typisch männlich zu Bett gegangen und als Feministen aufgewacht“.

 

Die Argumentationslinie des PP und der Ciudadanos musste sich abrupt ändern, was sich in Rajoys wundersamer Verwandlung zum sensiblen Träger einer lila Schleife ausdrückte. Nur sechs Wochen zuvor hatte er auf die Frage nach dem gender pay gap geantwortet: „Da mischen wir uns nicht ein.“ Von dieser Gleichgültigkeit und dem herablassenden Gerede über die Proteste als „schick“ und „hip“ wandelte sich die PP-Linie rasch. Es musste eingeräumt werden, dass „es sich um etwas sehr Positives handelt und ich hoffe, dass dabei etwas Brauchbares herauskommt“ (PP-Vorsitzende in Madrid Cristina Fuentes). Plötzlich war die Rede davon, dass der „Feminismus Teil der grundlegenden Werte unserer Demokratie“ ist (Andrea Levy, PP-Vizesekretärin für Forschung und Parteiprogramm).

 

Die offizielle Stellungnahme der Opposition erfolgte in den Worten des nationalen PSOE-Generalsekretärs Pedro Sànchez: „Wir befinden uns an einem historischen Moment der spanischen Geschichte, einem, der durch die Frauen in unserem Land bestimmt wird. Von heute an wird im Kampf um Gleichberechtigung nichts mehr so sein wie es war.“ Am 9. März rief die Schattenministerin für Gleichstellung, Carmen Calvo, die Rajoy-Regierung dazu auf, unverzüglich in Verhandlungen über die Annahme verschiedener von PSOE und Unidos Podemos eingebrachter Gesetzesvorschläge zu Geschlechtergleichheit und zur Schließung der Lohnlücke einzutreten.

 

Der Versuch der PSOE mit Unidos Podemos als Juniorpartner in dieser Auseinandersetzung zu agieren, ist ein Zeichen dafür, dass die spanische Sozialdemokratie ihrer Rivalin um die linke Hegemonie eine weitaus größere Glaubwürdigkeit in der feministischen Bewegung einräumen muss. Daher musste ein voreiliger Versuch des PSOE, sich im Parlament als ausschließliche Stimme der feministischen Bewegung zu gerieren, scheitern. Die gegenwärtige Taktik des PSOE ist es nun, die Bewegung als überparteilich darzustellen. Die Sprecherin der Partei im Kongress, Margarita Robles, drückte es am 9. März wie folgt aus: „Die Forderungen der Frauen vom gestrigen Tag waren lagerübergreifende Forderungen und keine Partei hat das Recht, aus dieser spontanen Frauenbewegung Profit zu schlagen.“

 

Für Unidos Podemos bedeutet der 8. März einen enormen Schub. Sie engagierten sich in der Mobilisierung und ihre weiblichen Abgeordneten nutzen die Möglichkeit, für die Forderungen des Protests einzutreten und sie zu verteidigen. Wie die Kongresssprecherin von Unidos Podemos, Irene Montoro in einem TV-Interview am 9. März erklärte:

 

„Die liberalen Ciudadanos sprachen von der ganzen Aktion als einem kommunistischen Streik. Dem PP zufolge hatte Pablo Iglesias zu den Protesten aufgerufen. Wochenlang unternahmen sie alles Mögliche, um die feministische Bewegung und den Streikaufruf zu diskreditieren [während] der PSOE den ausgerufenen 24-stündigen Streik ignorierte … Der 24-stündige Streik war notwendig, um in die ganze Welt hinauszurufen, dass wir Frauen selbstbewusst voranschreiten und dass wir gekommen sind um unsere Rechte einzufordern – und dass es von nun an in Spanien unmöglich sein wird, nicht von Feminismus zu sprechen … Feminismus ist das Banner Spaniens im 21. Jahrhundert und es gibt jede Menge wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen, die verändert werden müssen.“

 

Welch ein Unterschied zum 15. Mai, dem Beginn der Indignado-Bewegung, als einige Frauen an Madrids besetzter Puerta del Sol ein Banner aufhängten, auf dem stand: „Die Revolution wird feministisch sein oder sie wird nicht sein.“ Damals waren sie ausgebuht und ihre Banner heruntergerissen worden.

 

In einem Kommentar vom 13. März ließ die kastilische Linke [2] verlauten:

 

„Nicht einmal sieben Jahre sind vergangen seit diesen beschämenden Vorfällen. Unser Erfolg belegt das unaufhaltsame Voranschreiten im Kampf um unsere Rechte und Freiheiten als Frauen und er zeigt, wie schnell die sozialen Bewegungen und die Gesellschaft als Ganzes die Bedeutung des Feminismus aufgreifen mussten.“

 

Die zusammenfassende Interpretation dieses unglaublichen Tages durch die 8M-Kommission fiel etwas kürzer aus: Was am 8. März geschehen war, signalisiere das „Ende der Geduld“. Die Kommission beschloss im Nachhinein, die feministische Organisationsstruktur durch regelmäßige Treffen am Leben zu erhalten und zugleich ihr Gewicht in andere Mobilisierungen zu werfen, die ebenfalls von der Inspiration durch den 8. März profitierten – einschließlich einer aktuell laufenden Mobilisierung des Nationalen Koordinationskomitees zur Verteidigung der Rente.

 

Dessen letzter Aktionstag für gerechte Renten am 17. März mobilisierte trotz sintflutartigen Regens landesweit Hunderttausende. Dies deutet darauf hin, dass der Frauentag 2018 keine Eintagsfliege war, sondern vielmehr der Auftakt zu einer neuen Welle des Widerstands gegen die zahlreichen Ungerechtigkeiten im spanischen Staat.

 

Die übersetzte Langfassung erschien bei „Links – international journal of socialist renewal [1]“. Eine kürzere Version dieses Artikels ist in der australischen Zeitschrift „Green Left Weekly[2]erschienen.

 

Anmerkungen

 

1] Das Recht, legal zu streiken, vorausgesetzt es wird ein genauer Ablauf eingehalten, ist durch Artikel 28.2 der spanischen Verfassung verbrieft. Gewerkschaften mit anerkannter Betriebsvertretung ist es daher erlaubt, einen rechtmäßigen Streik auszurufen, sofern sie nachweisen können, dass besagte Abfolge eingehalten wurde.

 

[2] Die kastilische Linke (Izquierda Castellana) ist eine linksnationalistische Partei, die die Dominanz Spaniens durch das kastilische Establishment ablehnt und solidarisch ist mit dem Kampf um Selbstbestimmung unterdrückter Nationen innerhalb des spanischen Staates, wie z.B. des Baskenlands, Kataloniens oder Galiziens.

 

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